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Allianz deutscher Designer (AGD) e. V.

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5. Jahrestagung Kulturwirtschaft fand am 17. Oktober 2008 in Berlin statt

Kreativwirtschaft wächst weiter – orangene Bonmots

Kultur-Staatsminister Bernd Neumann verwehrte sich auf der 5. Jahrestagung Kulturwirtschaft am 17. Oktober 2008 in Berlin vehement gegen jegliche Debatte um die Abschaffung der Künstlersozialkasse © Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler 

 

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann fand klare Worte: „Es ist ein unsinniges Ansinnen, die Künstlersozialkasse abschaffen zu wollen!“ Im Gegenteil müsse die Künstlersozialversicherung „gestärkt“ und „zukunftssicher gemacht“ werden. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Otto stieß ins gleiche Horn und versprach, mit ihm sei eine Beschneidung der KSK nicht zu machen. Die 5. Jahrestagung Kulturwirtschaft, die am 17. Oktober 2008 in Berlin auf Initiative der Friedrich-Naumann-Stiftung, der deutschen UNESCO-Kommission und des Büros für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft stattfand, zeigte, dass die Politik die Belange der Kultur- und Kreativwirtschaft ernst nimmt.

„Die wirtschaftliche Potenz der Kreativwirtschaft noch besser zu erkennen, sie herauszuarbeiten und sie dann auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen“ sei ein Ziel der Bundesregierung, erklärte Bernd Weismann, Referatsleiter IT-, Medien-, Kultur- und Kreativwirtschaft im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Er verwies darauf, dass die letzten offiziellen Branchenzahlen aus dem Jahre 2006 stammen und bis 2006 ein überdurchschnittliches Wachstum der Kreativwirtschaft zu verzeichnen war. Jetzt liege ein interner Zwischenbericht einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie seinem Ministerium vor: Der Trend bestätige sich, „alle Indikatoren zeigen nach oben“, verkündete er dem Fachpublikum. „Seit 2006 sind wieder Umsatz und auch die Zahl der Unternehmen und der Erwerbstätigen deutlich gestiegen.“

Der Niedersächsische Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Walter Hirche, rundete das positive Bild ab. Er sehe für die nahe Zukunft für den Arbeitsmarkt nur zwei große Wachstumsfelder: zum einen die Kultur- und Kreativwirtschaft und zum anderen die Gesundheitswirtschaft.

Was prominent und stark begonnen hatte, verlor am Nachmittag deutlich an Fahrt: Die Jahrestagung schwächelte. So saß in der Arbeitsgruppe „Bundespolitik: Welche Rahmenbedingungen braucht die Kreativwirtschaft“ kein einziger Politiker auf dem Podium. Die Diskussion zum Abschluss der Veranstaltung verlor sich seitens der Experten auf der Bühne in Allgemeinplätzen; ein Praxisbezug war kaum mehr zu spüren. Immer mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer quittierten die abgehobene Debatte, in dem sie den Saal verließen.

Die AGD Vorstandsmitglieder Gisela Sonderhüsken und Peter Paul Hennicke konnten dennoch mit orangenen Bonmots im Herzen den Tag beschließen. Denn zu Beginn der Tagung hatte die Botschafterin für internationale kulturelle Zusammenarbeit der Niederlande, Margriet Leemhuis, eine bessere Vergütung der Kultur- und Kreativsschaffenden eingefordert. Sie sagte in Anspielung auf eine Äußerung des Berliner Bürgermeister zur leeren Stadtkasse: „Sexy sind die Kreativen sowieso – da tut ein hohes Einkommen keinen Abbruch.“ Sie fuhr fort: „Die Kreativen sollen ruhig mit ihren tollen Ideen reich werden.“ Es lebe Holland!

bb

Eindrücke von der 5. Jahrestagung Kulturwirtschaft

© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien
 
© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Prof. Dieter Gorny, Direktor Kreativwirtschaft Ruhr.2010
 
© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Hans-Joachim Otto, MdB FDP
 
© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Podiumsdiskussion
 
© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Blick ins Publikum 1
 
© Stiftung für die Freiheit / Boris Eichler
Blick ins Publikum 2 

 

Kultur- und Kreativwirtschaft

"Sehr, sehr positiv": Am 7. Mai startete die Bundesregierung ihre Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft

Dagmar G. Wöhrl, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, hat einiges zu sagen: „Allein in 2005 Umsätze von 121 Milliarden Euro: Das ist den wenigsten bewusst. 210.000 Unternehmen, die hier tätig sind, mit allein über einer Million Beschäftigen. Das sind wirklich anerkennenswerte Zahlen. Und – was natürlich darüber hinaus sehr, sehr positiv ist – eine sehr, sehr hohe Selbständigenquote.“ Die Rede ist von der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft. Am 7. Mai startete die Bundesregierung ihre Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Allianz deutscher Designer (AGD) war bei der Auftaktveranstaltung im Bundeswirtschaftsministerium dabei.

Ein Ziel der Initiative der Bundesregierung ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Kreativbranchen zu stärken. Ein weiteres nannte Staatssekretärin Wöhrl in ihrer Rede vor Politikern und Vertretern der einzelnen Kreativbranchen: „Auch wollen wir erreichen, dass künftig nicht mehr nur von 'made in Germany', sondern auch von 'created in Germany' gesprochen wird.“ Die Bundesregierung plant die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft verstärkt in die Öffentlichkeit zu tragen und ihr wirtschafts- und beschäftigungspolitisch den gleichen Stellenwert zuzumessen wie den etablierten Wirtschaftszweigen.

Konkret wurde seitens des Bundeswirtschaftsministeriums ein Forschungsgutachten zur Kultur- und Kreativwirtschaft vergeben: Geklärt werden soll, welche „typischen und übergreifenden Bestimmungsmerkmale“ die Teilbereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft aufweisen. Außerdem sollen eine verbesserte Lagebeschreibung der Situation der Branche geliefert, eine Analyse der bestehenden Rahmen- und Förderbedingungen gegeben sowie Handlungsoptionen für die Bundesregierung aufgezeigt werden. Erste Zwischenergebnisse sollen bereits nach der parlamentarischen Sommerpause in diesem Jahr vorliegen; der Abschlussbericht ist für das Frühjahr 2009 angekündigt.

Doch bis dahin wird einiges geschehen: Teil der Bundes-Initiative sind bundesweite Branchenhearings, bei denen die einzelnen Kreativ-Branchen in den Mittelpunkt rücken, ihre Rolle und Situation darstellen und der Politik Handlungsfelder aufzeigen können. Ein erstes Hearing für den Wirtschaftsbereich „Werbung und Kommunikationsdesign“ ist noch für diesen Sommer in Düsseldorf geplant. Im laufenden Jahr sind weitere Branchenhearings für die Bereiche Medienwirtschaft, Architektur, Produktdesign, Computerspiele und Darstellende Kunst avisiert. An die Hearings können sich je nach Verlauf und Notwendigkeit weitere Veranstaltungen anschließen, um auf den Hearings angesprochene Themenfelder oder Problemlagen zu vertiefen.

Neben den Hearings, die dem Austausch von Politik, Regierungs- und Branchenvertretern dienen, sieht die Bundesregierung auch eine Veranstaltungsserie für die breite Öffentlichkeit vor: „Schaufenster Kultur- und Kreativwirtschaft“. Vorstellen kann man sich eine Schaufenster-Veranstaltung als Leistungsschau der Kultur- und Kreativwirtschaft. Im Konzeptpapier heißt es: „Ein nachhaltiges Bewusstsein für die kulturelle, kreative und wirtschaftliche Bedeutung der Branche soll dabei auch durch die Vorstellung konkreter, anschaulicher und einprägsamer Beispiele (innovative Projekte sowie herausragende Branchenleistungen) geschaffen werden.“ Insgesamt sind bundesweit vier Veranstaltungen dieser Art vorgesehen.

Zurück zur Auftaktveranstaltung: Auf dem Gruppenbild stehen Jürgen Grothues, der stellvertretende Vorsitzende der AGD, und Lutz Hackenberg, Vorstandsmitglied und Geschäftsführer der AGD, in der ersten beziehungsweise dritten Reihe – eine gute Position, um den Dialog mit Regierung und Politik, aber auch den anderen Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft zu führen. Im Rahmen der Veranstaltung hat Lutz Hackenberg in einem Kurzvortrag die Hauptforderungen der AGD vorgestellt: Gleichbehandlung aller Werkarten im Urheberrecht, Rechtssicherheit durch Anerkennung der freiberuflichen Tätigkeit von Designern, Vorbildfunktion der Öffentlichen Hand bei Auftragsvergabe und Wettbewerben. In den weiteren Gesprächen mit der Bundesregierung und speziell dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sowie auf den Branchentreffs wird die AGD diese Forderungen vehement weiter vertreten.

BB

Das Konzept der "Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung"
[PDF]

Mehr Infos zur Initiative der Bundesregierung beim BMWi

 

Im Fokus: Design und Wirtschaft

Kreativität ist ein Wirtschaftsfaktor. Diese Erkenntnis ist mittlerweile in der Politik angekommen, die Kreativwirtschaft wird ernst genommen und sogar gefördert. Doch noch immer sind viele Fragen offen: Was alles zählt zur Kreativwirtschaft? Und wie kann man sie und die Kreativen wirkungsvoll fördern? Um diese und andere Fragen zu klären, traf sich am 27. Februar in Berlin der "Fachausschuss VII: Wirtschaft, Arbeit, Technologie und Berufliche Bildung" der SPD unter dem Motto "Potentiale der Kreativwirtschaft in Berlin". Eingeladen war auch AGD Vorstandsmitglied Jürgen Grothues, um den Anwesenden speziell den Bereich Design nahe zu bringen.

Die Kreativwirtschaft wächst in Berlin stärker als im Bundesdurchschnitt, und mit ihr wächst die Zahl der Beschäftigten; aktuell sind es 167.000 Immer mehr von ihnen sind selbstständig – was eine besondere Form der Förderung verlangt. Spielen in der Film- und Medienbranche Kreditvergaben eine wichtige Rolle, sind für Designer oft andere Förderungen sinnvoll.

Portale wie Creative-City-Berlin.de nützen allen Kreativen – so, wie jede Form von Vernetzung und Aufmerksamkeit. Wichtig sind jedoch auch Lobbyarbeit und Standortmarketing. Oder, wie Jürgen Grothues es formuliert: "Unterstützen Sie, dass Designer Kunden haben und dass die Kunden den Wert kreativer Arbeit kennen. Wenn Designer von ihrer Arbeit leben können, ist das die beste Förderung."

Auch die entsprechende Aus- und Weiterbildung von Kreativen ist eine Fördermöglichkeit und soll verstärkt in Angriff genommen werden. Dieses Vorhaben deckt sich mit dem des IDZ Berlin und seiner Kooperationspartner, darunter die AGD: Improve Design Business.

Improve Design Business – Wissen ist gut.

Die Veranstaltungsreihe begann am 22. Februar mit dem Forum, das hervorragend besucht war. Schon in der Begrüßung durch die Staatssekretärin Almuth Nehring-Venus wurde deutlich: Design ist interessant für die Wirtschaft. Design schafft Arbeitsplätze, sorgt für Akzeptanz von Produkten am Markt, und Europa exportiert Design in zunehmendem Maße.
Der Vortrag von Michael Söndermann, Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturstatistik, belegte die Bedeutung der Designwirtschaft mit Zahlen (PDF). Die Umsätze der Designwirtschaft verzeichnen zweistellige Wachstumsraten und lagen im Jahr 2006 deutschlandweit bei 14,9 Milliarden Euro. Für Michael Söndermann ist Design die Leitbranche der Kreativwirtschaft.

Eine Vision davon, wie Designer dieser leitenden Rolle gerecht werden und auch in Zukunft führen, bekamen wir von Prof. Michael Hardt, dem zweiten Vortragenden des Abends. Für ihn ist Design angewandte Semiotik und folgt nicht, wie oft zitiert, der Funktion. Vielmehr soll Design voraus denken, Trends erkennen und Prozesse gestalten. "Unsere Aufgabe als Designer ist es, etwas aus der Zukunft in die Gegenwart zu holen." Globalisierung ist für ihn Teil dieser Zukunft und er rät, der Vereinheitlichung entgegen zu wirken und sich nicht an "internationalem Design" zu versuchen. "Machen Sie das Design einer Nation oder Region. Machen Sie Berliner Design."

Diesen Ratschlag unterstützt auch Prof. Dr. h.c. Erik Spiekermann, der Launiges aus dem Leben des reisenden Designers zum Besten gibt. Er schlägt vor, den Erwartungshaltungen internationaler Geschäftspartner eher zu folgen, als gegen Vorurteile zu arbeiten. Das kann unter Umständen bedeuten, mit den asiatischen Kunden Bier zu trinken, obwohl man es nicht besonders mag. Es bedeutet aber auf jeden Fall, deutsches Design zu machen und deutsches Geschäftsgebaren zu zeigen. Denn dafür werden wir im Ausland geschätzt.   

Die Zusammenfassung seines Vortrags hat Erik Spiekermann gleich an den Anfang gestellt. Wir stellen sie an den Schluss:
   
Unterschiede machen Spaß.
Vorurteile sind auch Urteile.
Wissen ist gut.

cs

 

Kleinstunternehmen müssen gestärkt werden

Im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat Michael Söndermann, unser Gastreferent auf der AGD Mitgliederversammlung 2007, eine aktuelle Analyse der Kultur- und Kreativwirtschaft erstellt. Ein Fazit: Die Kulturwirtschaft basiert zu großen Teilen auf Kleinstunternehmen und FreiberuflerInnen. Die Arbeitsbedingungen dieser Gruppe müssen gefördert und verbessert werden.

Von 37119 Unternehmen, die im Jahr 2005 statistisch erfasst wurden und die zur Designbranche zählen, sind 28993 Unternehmen von Einzelpersonen bzw. Freiberuflern. Nicht in dieser Zahl enthalten sind GbRs, KGs, OHGs, GmbHs und AGs. D.h. rund 78 Prozent der in der Designbranche aktiven Unternehmen sind Kleinstunternehmen. Allerdings erwirtschaften diese 3/4 aller Designunternehmen lediglich 23 Prozent (circa 3 Milliarden Euro) des gesamten Umsatzes der Designbranche. Etwa 54 Prozent der Umsätze (etwa 7,2 Milliarden Euro) generieren GmbHs, die gerade einmal 12 Prozent aller Designunternehmen ausmachen.

Michael Söndermann stellt dar, dass in der gesamten Kreativwirtschaft ein Unternehmen im Schnitt maximal fünf Beschäftigte habe. Dagegen zählen beispielsweise Firmen in der Autoindustrie eine mittlere Beschäftigtenzahl von bis zu 128 Arbeitnehmern pro Betrieb. So erklärt sich, dass sich die Politik mit der Förderung der Autoindustrie sehr viel lieber beschäftigt – die Zahl der Unternehmen ist kleiner und die Lobby ist stärker – als mit den statistisch für 2005 erfassten Kleinstunternehmen der gesamten Kulturwirtschaft: Es sind 157639.

Merkmale der sogenannten "kleinen" Kulturwirtschaft sieht Söndermann u.a. in einer schwachen Lobby, einer kleinteiligen Branchenstruktur und in der Notwendigkeit der materiellen Absicherung der Urheberschaft. Zum Schluss seiner Analyse listet der Autor sechs Fragenkomplexe an die Politik, aber auch an die Interessenvertreter der Kreativen auf.

Immer mehr Zahlen belegen: Die kreativen Kleinstunternehmen schaffen beträchtliche Umsätze und ein großes Beschäftigungspotenzial. Gleichzeitig scheint es noch schwierig die vielen heterogenen Unternehmen und Freiberufler angemessen zu fördern. Hier müssen Politik und Kreative Ideen für die Praxis entwickeln – die AGD wird sich in diesem Prozess aktiv einbringen.

Der Reader der Grünen "Kulturwirtschaft und Creative Industries 2007. Aktuelle Trends unter besonderer Berücksichtigung der Mikrounternehmen" von Michael Söndermann kann von der Web-Site der Bundestagsfraktion direkt heruntergeladen werden: [Download der pdf-Datei]

bb


 

Kreativität schafft mehr Wert

Die 4. Jahrestagung Kulturwirtschaft in Berlin fand am 3. und 4. Mai im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft statt.

Im November 2006 präsentierte die EU Kommission die Studie "The Economy of Culture in Europe". Seitdem ist klar: die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Europa und der Bereich mit der höchsten Dynamik. So fand ihm Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft die Jahrestagung Kulturwirtschaft erstmals als europäische Veranstaltung statt.

"Kohärente Politik in einer globalisierten Welt" lautete das Thema der Konferenz, und der Gedanke liegt nahe, dass zum Wohle ihrer Kulturschaffenden die Staaten Europas zusammenarbeiten und sich aufeinander abstimmen. Am Ende des ersten Tages ist jedoch auch klar, wie viel Arbeit es bedeutet, dieses Ziel in die Tat umzusetzen.

Die Kulturwirtschaft ist ausgesprochen heterogen, und bereits die Frage, wer und was eigentlich dazu gehört, kann sehr unterschiedlich beantwortet werden. Design gehört selbstverständlich dazu, aber was ist z.B. mit Kunsthandwerk? Auch der jeweilige Umgang mit der Kreativwirtschaft ist in den EU-Staaten sehr unterschiedlich. In England und Skandinavien werden schon sehr lange Daten erhoben, und die Kulturwirtschaft wird gezielt gefördert. Für die postkommunistischen EU-Neulinge hingegen ist es erst einmal wichtig, eine (neue) nationale kulturelle Identität zu finden und zu definieren. Zudem hat die Kulturwirtschaft keine einheitliche Lobby, die sie nach außen vertritt.

Dennoch: "Die Studie 'The Economy of Culture in Europe' bietet erstmals belastbares Zahlenmaterial" (Odile Quintin, Generaldirektorin der Generaldirektion Bildung und Kultur, EU Kommission, Brüssel). Die Qualität und Komplexität der Studien wird in Zukunft noch zunehmen – so Michael Söndermann, Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturstatistik Bonn. Und "Das Thema Kulturwirtschaft ist in der Politik angekommen. Endlich!" (Hans-Joachim Otto MdB (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, Berlin). Die Kulturwirtschaft hat es in wenigen Monaten zu erstaunlicher Popularität gebracht.

Hier geht es aufwärts. 

 

Einige Ergebnisse der Studie:

  • "Der Beitrag des Sektors (Kulturwirtschaft) zum BIP der EU betrug 2003 2,6 %.

Im Vergleich dazu der Anteil der nachfolgend aufgeführten Branchen am BIP der EU im selben Jahr:

  • Immobilienbranche 2,1 %,
  • Nahrungsmittel-, Getränke- und Tabakbranche 1,9 %
  • Textilindustrie 0,5 %
  • Chemikalien, Gummi- und Plasteerzeugnisse 2,3 %"

"DerGesamtzuwachs durch die Wertschöpfung des Sektors betrug von 1999 bis2003 19,7 %. Das Wachstum des Sektors war zwischen 1999 und 2003 12,3 %höher als das allgemeine Wirtschaftswachstum."

"Während die Gesamtbeschäftigung in der EU 2002-2004 sank, nahm die Beschäftigung in dem Sektor zu (+1,85 %)"

Und: "Der Anteil der Selbstständigen ist mehr als doppelt so hoch wie in der Wirtschaft insgesamt (28,8 % gegenüber 14,1 %)"

Mehr Ergebnisse in der deutschen Zusammenfassung der Studie als PDF.

369 Teilnehmer aus ganz Europa 

Im März 2000 hat sich mit der Lissabon-Agenda die EU das ehrgeizige Ziel gesetzt, den europäischen Wirtschaftsraum bis 2010 "zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen – einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen." Mit der Studie "The Ecomnoy of Culture in Europe" ist die Kulturwirtschaft in den Fokus bei der Umsetzung dieses Vorhabens gerückt – was nicht zuletzt bedeutet, dass die Chancen auf Fördermittel steigen.

Was ist noch zu tun? Joachim Geppert von der MKW Wirtschaftsforschung GmbH, Saabrücken und einer der Hauptverantwortlichen der Studie empfiehlt u.a. die Installation eines EU-weiten Kulturnetzwerks und die Bereitstellung eines EU-Kulturfonds.

Beiträge aus vier EU-Staaten – Rumänien, Norwegen, Polen und Großbritannien - und neun Kulturbereichen von Filmmusik über Verlagswesen, Industrie-Design und Kunstmarkt bis zur TV-Industrie ließen das Publikum sehr klar erkennen, was kulturelle Vielfalt innerhalb Europas bedeutet. Und wie groß auch die Vielfalt an möglichen Fragen und Antworten ist. Gemeinsam ist allen Beteiligten die Freude über die Ergebnisse der Studie und eine sehr optimistische Grundhaltung; sie prägte die Stimmung der Konferenz. Die Kulturschaffenden blicken gemeinsam in eine Richtung und haben in diese bereits einen Schritt getan. cs

Die Kurzfassung der Studie "The Economy of Culture in Europe" auf Deutsch. PDF

Fotos: Jürgen Grothues

Ameisen mit Elefanten-Gewicht

Interview mit Michael Söndermann, Kulturstatistiker, Vorsitzender des Arbeitskreises Kulturstatistik und Mitglied des UNESCO Institute for Statistics

Herr Söndermann, Sie stellen die These auf, dass die Designwirtschaft die Leitbranche der Kulturwirtschaft ist. Warum?

Design ist für die Kulturwirtschaft ein sehr zentraler Markt. Denn in der Design-Produktion findet man Schnittstellen zu Verlagsproduktion, zu Musikproduktion, zur Filmproduktion, selbst zur Darstellenden Kunst, wenn  Sie beispielsweise an die Bühnengestaltung denken. Die Architektur ist dem Design sowieso verwandt. Was wäre Werbung ohne Design? Nicht zuletzt steckt der jüngste Teilmarkt der Kulturwirtschaft, nämlich die Games-Industrie, voller Designaktivitäten und Gestaltung. Also ist Design offenbar der Bereich, der mit all diesen Teilbranchen der Kreativindustrie verknüpft ist.

Warum erhält die Kulturwirtschaft aktuell so eine Bedeutung?

Früher lag das Augenmerk stark auf den technischen Neuerungen und Möglichkeiten. Man sprach ein wenig despektierlich davon, dass die Inhalte nur zugeliefert und neben der „Hardware“ nur eine untergeordnete Rollen spielen würden. Jetzt sieht man immer mehr, dass man den professionell gestalteten Inhalten viel mehr Aufmerksamkeit schenken muss. Dadurch entsteht eine  größere Bedeutung für die Creative Industries, die par excellence die Inhalteindustrie ist. Die Designer sind in diesem Bereich einer der Klassiker – selbst, wenn alles noch sehr jung ist und man den Begriff Klassik vielleicht noch nicht verwenden kann.

Wie ist Design innerhalb der Kulturwirtschaft unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten positioniert?

Das ist interessant. Wir konnten bis 2000 ein sehr starkes Wachstumspotenzial bei den klassischen Kulturmärkten wie Verlag, Musik, Film und Kunstmarkt beobachten. Nach 2000 gab es bedingt durch die Konjunktur einen sehr bedeutenden Rückgang des Wachstums. Jetzt stellt sich heraus, dass Design und Games diejenigen sind, die wieder am stärksten in der Umsatzentwicklung zulegen. Für das Jahr 2005 stellte sich zu meiner Verblüffung heraus, dass Design mit 15 Prozent Zuwachs mit Abstand der stärkste Wachstumsbereich in der Kreativwirtschaft war. 15 Prozent Zuwachs in einem Jahr, das sind keine Peanuts mehr. Im Vergleich: Die gesamte Kulturwirtschaft liegt bei einer Wachstumsrate von etwa bei vier bis fünf Prozent.

Es gibt nach aktueller Statistik in Deutschland 37000 Designunternehmen, die in 2005 13 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet haben ...

In Europa machte der Designsektor im Jahr 2002 ungefähr 556 Milliarden Euro Umsatz. Die Designbranche liegt damit etwa gleich auf mit dem Energie- und Chemiesektor in Europa. Wir waren über diese Ergebnisse erstaunt. Oft genug wurde von den traditionellen Wirtschaftsforschern gesagt, die Kreativen seien doch kein Wertschöpfungsfaktor. Daher haben wir das gleiche Instrumentarium, mit dem auch die Maschinenbauer oder die Energieunternehmen statistisch dargestellt werden, auf die Kreativwirtschaft angewendet. Es war extrem verblüffend, dass die Tausenden von Kleinstunternehmen des Designsektors in der Summe genau das gleiche Gewicht schaffen wie der Bereich der Energieversorgung, der natürlich von wenigen Großunternehmen definiert wird. Mit diesen Ergebnissen kann man der Politik einen Aha-Effekt abringen. Hinzu kommt, dass das Umsatzpotenzial nicht so wichtig ist wie das Beschäftigungspotenzial. Das Beschäftigungspotenzial vieler Ein-Personen-Unternehmen schafft in der Summe die gleiche Anzahl von Arbeitsplätzen wie die Energieversorgung oder wie der Maschinenbau. Da kann die Politik nicht mehr länger sagen, dass Design ein marginalisierter Bereich wäre.

Vortrag von M. Söndermann vor der MV der AGD 2007 in Wiesbaden 


Stimmt das Bild: Die Energieunternehmen sind wenige Elefanten; wir Designer sind  Tausende von Ameisen, die das gleiche Gewicht wie die Elefanten auf die Waage bringen?

Absolut. Und der Vorteil der Ameisen ist, dass zwar in der Gesamtwirtschaft wie zum Beispiel im Energiebereich Arbeitsplätze immer weiter abgebaut werden, die Kreativwirtschaft aber permanent Zuwächse im Arbeitsbereich verzeichnet. Natürlich sind das nicht mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, sondern inhabergeführte Arbeitsplätze. Das heißt, die vielen tausenden kleinen Büros, die als eigenständige Unternehmen auf dem Markt sind, wachsen weiter.

Allerdings hatten wir vor einigen Jahren schon einmal eine Wertschöpfung der Designbranche von 13 Milliarden Euro – und es waren weniger Unternehmen. Jetzt steigt die Anzahl der Unternehmen, der Umsatz bleibt aber gleich. Das heißt, der Umsatz pro Unternehmen ist gesunken.

Das ist richtig, das Unternehmenspotenzial wächst stärker als das Umsatzpotenzial.

Was wird die Folge sein?

Marktwirtschaftlich glaube ich nicht, dass dieser Umstand ein Nachteil ist. Denn gerade die Designer wissen – vielleicht sogar mehr als die Aktiven in den anderen Kreativbranchen –, dass sie sich neue Märkte erschließen müssen. Der Punkt ist der: Die Energieversorgung kann man nicht endlos erweitern, aber den Bereich des Designmarktes kann man neu und weiter erschließen. Es gibt Untersuchungen nach denen etwa 80 Prozent der befragten Unternehmen noch gar kein Bewusstsein dafür haben, dass Design für sie relevant sein könnte. 80 Prozent! Es liegt ein großes Potenzial in der gesamten Volkswirtschaft brach. Designunternehmen können also wachsen, wenn sie sich neue Märkte erschließen und entsprechende Marktstrategien erarbeiten. Insofern sehe ich die Perspektiven sehr positiv. Hier hat auch die Politik Chancen, Unterstützung zu leisten, indem sie sich mit den Verbänden und mit den Designer Gedanken macht, welche Rahmenbedingungen günstig für eine solche Entwicklung wären. Zum Beispiel könnte sich ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Kleinstunternehmen wirtschaftlich wertvolle Trägereinheiten sind und nicht nur das Automobilunternehmen mit 20000 Beschäftigten.

Ab 2008 wird es seitens der amtlichen Statistik genauere Zahlen über die Designbranche geben. Auch die AGD hat sich stark dafür eingesetzt, dass sich die Kategorisierung von Design in der Wirtschaftsstatistik verbessert und treffgenauer wird.

Wir haben im Jahr 2008 eine Neudefinition sämtlicher wirtschaftlicher Aktivitäten in Europa vor uns. Im Jahr 2011 geht es mit einer Revision der weltweiten Wirtschaftsstatistik weiter. Diese Definitionen haben natürlich maßgeblichen Anteil daran, dass Bereiche wie das Design plötzlich sichtbarer werden als zuvor.

Herr Söndermann, ich erlebe Sie immer wieder als Verfechter von Designinteressen. Sind Sie im Herzen ein Designer?

Ich bin von Hause aus Musiker.

Das Gespräch führte Boris Buchholz.

Fotos: Hans-Jürgen Herrmann