Design und Verantwortung (Teil I)

- Foto: Barbara Deller-Leppert
Einmischen, bewußt machen, verändern
Vortrag von Hans-Horst Möbes
Waldeck 2006
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Allianz Deutscher Designer,
bevor ich mit meinem Referat beginne, erlauben Sie mir einige
einleitende Worte zum besseren Verständnis dessen, was ich
Euch und Ihnen sagen möchte:
Zunächst stelle ich fest -
auch, damit im Folgenden keine Missverständnisse entstehen:
Ich bin kein Pessimist, ich bin aber auch kein Optimist. -
Angesichts der gegenwärtigen Situation in der Welt gibt es
hierfür auch keinen Anlass. Unsere Umwelt wird weiter ausgebeutet
und zerstört. Immer noch werden verheerende Kriege geführt,
es gibt eine Vielzahl an revolutionären Auseinandersetzungen, es
wird weiter gefoltert und gemordet und es verhungern viele
Menschen in der Welt. Der Terrorismus hat seinen Höhepunkt noch
nicht erreicht.
Zitat:
“Männer, die bedingungslos bereit sind, ihr diesseitiges Leben
für das jenseitige eines Märtyrers hinzugeben, können Zerstörungen
über uns bringen in einem Ausmaß, das jeder Vorstellung hohnspricht.²
aus: Terrorist, John Updike.
Zitatende
Nun, ich bemühe mich also realistisch zu sein -
insofern bin ich auch optimistisch.
Für viele Kolleginnen und Kollegen ist das, was sie unter Design
verstehen, ihre gestalterische Tätigkeit, ihre Arbeit am Zeichentisch
oder Computer.
Auf den Punkt gebracht:
Damit wollen Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen, um ein angenehmes
Leben zu führen. Aber das reicht nicht aus - und so ist es eben auch
nicht die Realität. Wir leben in vielen Gemeinschaften in einer großen
Gesellschaft und wenn wir die ganze Welt noch dazu nehmen, dann
nimmt es eine gewaltige Dimension an. Komplizierte Prozesse in
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind hier miteinander vernetzt und
verstrickt, in ständigen wechselnden Beziehungen und Veränderungen
zueinander. Für den Einzelnen kaum zu durchschauen, noch erfassbar
oder verständlich.
Ich möchte hier aufzeigen, wie unser Beruf vielfältig in der Gesellschaft
verankert und an ihrer Entwicklung beteiligt ist - und das nicht nur
positiv. Unser Beruf ist auch nicht davon zu trennen, und das hat seine
Auswirkungen auf das Berufsbild und das Selbstverständnis des
Designers in einer vernetzten Welt. Wir brauchen die Gemeinschaft
und die Gesellschaft, um zu überleben - und umgekehrt.
Und hier, bei den grundlegenden Fragen zu den Voraussetzungen
unseres Beruf, können wir uns nicht entziehen und ins Abseits stellen.
Was ich im Folgenden Aufzeigen möchte, betrifft nicht nur uns und
alle gestalterischen Berufe, sondern im weitesten Sinne alle anderen
Berufsfelder mit. - Das ist wahrlich keine einfache Sache.
Auf dem Kulturkongreß der freien Berufe im Jahre 1988 begann
Lutz Hackenberg als Generalsekretär des Deutschen Designertages
sein Vortrag so (Redeauszug):
“Ein führender Abgeordneter des Deutschen Bundestages fragte uns
spontan und direkt: Was macht Ihr den eigentlich, Ihr Designer? Und,
er war etwas überrascht, als ihm geantwortet wurde: was wir “machen²,
damit stehen Sie auf, damit gehen Sie zu Bett, das begleitet sie den
ganzen Tag in allen Bereichen Ihres Lebens! Alles, was sie hier um
sich sehen: hier die Zigarettenschachtel, dort das Feuerzeug, die
Schreibmaschine, der Füllfederhalter, der Umschlag der Illustrierten,
die dort auf dem Tisch liegt, die Anzeigen, die darin sind, die Vorhänge
vor dem Fenster, die Tapete an der Wand, die Form des Autos, mit
dem Sie gekommen sind oder die Krawatte die sie tragen.
Design heißt Planen und Entwerfen, Design ist nicht Kosmetik,
sondern Rationalisierung!²
Fazit dieser Aussage nach Hackenberg:
“Die Gesellschaft müßte ein ganz intensives Interesse daran haben, dem
Tätigkeitsfeld der Designer besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Sie
würden dann erkennen, daß diese Berufsgruppe eine bedeutende Leistung
für die “Lebensqualität² aufbringt.²
Vor einiger Zeit fragte ich einen Kollegen, wie er denn über Design und
Verantwortung denke. Er war sichtlich erstaunt, daß ich ihn dazu befragte.
Nach einigem zögern kam: Natürlich wäre es seine Verantwortung, den
Auftrag seines Kunden gerecht auszuführen.
Selbstverständlich ist die Verantwortung des Designers, dem Kundenauftrag
gerecht zu werden, da sie in den meisten Fällen die Grundlage der Existenz
bildet. Doch wichtiger als diese Art der Verantwortung ist das Bedenken
und das Reflektieren des eigenen Tuns im Hinblick auf seine Auswirkungen
auf das Leben der Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft ist kein homogenes Gebilde, wie ich versucht habe,
anzudeuten. Es geht also darum, wie Menschen in einer Gesellschaft leben,
miteinander arbeiten, wie sie miteinander umgehen, wie sie dieses regeln
und ob sie bereit sind, Verantwort zu übernehmen. Unser Leben wird in
diesem Zusammenhang wesentlich bestimmt durch Arbeit und Produktion. -
Unser Beruf als Designer ist somit Teil einer gesamtgesellschaftlichen
Entwicklung.
Wenn ich über Design und Verantwortung spreche - muß ich erstens über
Design und zweitens über die Gesellschaft sprechen, in der ich lebe und
in der ich Verantwortung übernehmen muss. Es geht mir hierbei nicht um
eine neue Designtheorie mit einer neuer Arbeitsethik. Hierzu gibt es ein
bekanntes Wissen, das sich ja im Zuge eines gesellschaftlichen Wandels
ständig verändert und neu qualifizieren muss. Es geht hier auch nicht um
Rezepte und Ratschläge für die Berufs- und Arbeitspraxis.
Vielmehr geht es um den konkreten Zusammenhang von Entwickeln und
Entwerfen - um Kommunikation.
Kommunikation heißt für mich: Gemeinsamkeit schaffen.
Dies können wir nur bewusst tun, was schon schwer genug zu sein scheint -
und es geht eben auch nur gemeinsam!
Daraus ergeben sich zwingend folgende Fragen:
Wer sind wir?
Was tun wir?
Was sind die Folgen unseres Tuns?
Wie erkennen wir die Folgen unseres Tuns?
Welche Konsequenzen ziehen wir daraus.
Und: sind wir dann auch bereit, die richtigen Taten folgen zu
lassen?
Dieser Diskurs über Design und seine Folgen ist also gleichsam eine Exkursion
des Designers in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben.
Im Folgenden werden viele bekannte und weniger bekannte Autoren und
Fachleute zu Wort kommen. Und, wie ich meine, befinde ich mich hier in einer
recht guten Gesellschaft.
Es soll aufgezeigt werden, welche Funktion und Verantwortung Design in
einer demokratischen Gesellschaft einnehmen muss. Nicht nur als ökonomische
Größe, als Mittel der Verkaufsförderung einer konsumorientierten Gesellschaft,
sondern als Kulturelement und Baustein der Industrie- und Mediengesellschaft.
Die Qualität des Design ist nicht am Kriterium der Verkäuflichkeit, sondern an
seiner Bedeutung als Kulturelement zu messen.
Als Baustein einer sinnvoll und neu zu gestaltenden Umwelt.
Die Schlüsselfrage für das Überleben der Menschheit ist die Ökologisierung
der Industriekultur. Diese Kultur erfordert von den Menschen eine neue
Beziehung zu den Dingen mit denen sie leben und in denen sie ihr Leben
gestalten.
Das hat man auch schon in den 60er Jahren an der Hochschule für Gestaltung
in Ulm gedacht:
“Damals in Ulm mussten wir zu den Sachen, zu den Dingen, zu den Produkten,
zur Straße, zum Alltag, zu den Menschen, wir mussten umkehren, es ging
nicht um eine Ausweitung der Kunst in die Alltäglichkeit, in die Anwendung, es
ging um eine Gegenkunst, um Zivilisationsarbeit, um Zivilisationskultur.²
(Otl Aicher, 1987)
Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Sie ist auch kein Urrecht,
sondern eine lang erkämpfte menschlichere Gesellschaftsform. Und sie kann
jeder Zeit auch wieder zu Ende gehen oder zerstört werden. Mittlerweile
diskutiert man sogar schon darüber, ob die Demokratie nun wirklich die beste
Gesellschaftsform für eine menschlichere Gesellschaft ist.
Das Wirtschaftssystem das unsere Gesellschaft bestimmt und prägt ist der
Kapitalismus. Dieses System finden wir im Prinzip in allen Gesellschaftsformen
wieder.
Es dient nur sich selbst. Hier geht es immer nur um Profit und Macht, nicht um
den Menschen. Es sind auch immer nur wenige, die reich sind und viele, die
arm sind. Brecht hat das einmal mit einer Wippe verglichen. Oben sitzen die
Reichen und unten die Armen. Auf die Frage, warum sich die Wippe auf der
Seite mit den Armen nicht mal nach oben bewegt, lautete die Antwort: weil es
eben nur wenig Reiche und viele Arme gibt. Dadurch kann sie nicht bewegt
werden und deshalb ändert sich auch nichts. Die Armen werden immer unten
bleiben und die Reichen immer oben.
Auszug aus einem Interview von Ralf Willinge mit *Jean Ziegler
unter dem Titel: Konzerne eignen sich die Welt an
(Frankfurter Rundschau 5.1.2006).
Der UN-Beauftragte Ziegler äußert sich über Hunger, Verschuldung und die
Rolle der Welthandelsorganisation.
Frankfurter Rundschau (FR):
Herr Professor Ziegler, in Ihrem neuen Buch “Das Imperium
der Schande" sprechen Sie von einer Refeudalisierung der Welt. Was meinen
Sie damit?
Ziegler:
In den vergangenen Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer
entstanden, der Welthandel hat sich in den letzten zwölf Jahren mehr als
verdreifacht, das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. Zum ersten Mal in
der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die
Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Doch gerade jetzt
findet eine brutale, massive Refeudalisierung statt. Die neuen Kolonialherren,
die multinationalen Konzerne - ich nenne sie Kosmokraten - eignen sich die
Reichtümer der Welt an. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000-mal brutaler als
die aristokratische zur Zeiten der Französischen Revolution.
FR:
Wie funktioniert diese Feudalherrschaft im 21. Jahrhundert?
Ziegler:
Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington.
Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden. Alle
Güter und Dienstleistungen in jedem Lebensbereich müssen vollständig
privatisiert werden, öffentliche Güter wie Wasser gibt es nicht. Auch die Gene
der Menschen, Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert.
Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen.
Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein, den Hunger
und die Verschuldung. Das Resultat ist absolut fürchterlich. Die Zahl der
Hungernden steigt in absoluten Zahlen immer weiter an. Im vergangenen
Jahr sind nach dem Welternährungsbericht jeden Tag 100 000 Menschen an
Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen gestorben. Und dies, obwohl die
Weltlandwirtschaft schon heute - ohne Gentechnik problemlos zwölf Milliarden
Menschen ernähren könnte, also das doppelte der Weltbevölkerung, wie
derselbe Bericht feststellt.
Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.
Wir Designer sind mit dafür verantwortlich, wie sich unsere Gesellschaft
entwickelt. Verantwortlich desshalb, weil wir ein Teil von ihr sind. Wir leben
und bewegen uns in dieser Gesellschaft. Unsere Arbeit ist eingebunden in
die natürlichen und zivilisatorischen Prozesse dieser Gemeinschaft. Unsere
Kreativität und Produktivität muss sich an den Konsequenzen messen lassen,
mit denen sie langfristig und nachhaltig in diese Prozesse eingreifen. Nicht
nur eine Absichtserklärung reicht aus: Es wird unsere Aufgabe sein wie
produktiv und kreativ wir sind. Unter produktiv und kreativ verstehe ich nicht
Quantität - also Menge -, sondern Qualität - also Inhalt.
Wie wir als Designer unser Berufsbild formen und festlegen - natürlich im Dialog
und nicht von einzelnen, vielleicht sogar außenstehenden Persönlichkeiten
irgendwie bestimmen lassen - das ist hier maßgebend.
Die Frage ist, wie bewusst und freiwillig wir das machen?
Daraus entwickelt sich für uns ein eigenes Erscheinungsbild, rückgebunden
an ein Vorstellungsbild von uns, in dem sich unser Selbstverständnis und
unsere Identität darstellt.
Darin manifestiert sich unser ich.
Ich möchte hier jetzt nicht einen Beitrag über Coperate Identity leisten das
habe ich schon einmal auf einer AGD-Tagung getan.
Dennoch etwas zur Klarheit des Begriffes: Coperate identity ist nicht die äußere
Erscheinungsform eines Unternehmens, einer Institution, Organisation oder
einer Person.
Es ist auch nicht die Fassade, ein neuer Anstrich oder eine kosmetische
Maßnahme. Nein - es ist viel mehr. Hier geht es an die Wurzeln in die Tiefe.
Coperate identity hat etwas mit Identität und Haltung zu tun - und mit
Verantwortung In ihr drückt sich die Kultur und Philosophie, die Kommunikation -
der Auftritt und die Art und Weise der Ansprache an die Öffentlichkeit aus.
Man möchte sich vorstellen und darstellen, und das vorteilhaft, unverwechselbar
und positiv. Das geht nur dann, wenn dem eine ehrliche Lebenshaltung gegenüber
steht. Hier wird das, was erdacht, besprochen und erarbeitet wurde, wahrnehmbar
ungesetzt, sichtbar gemacht.
Wenn wir von einem Erscheinungsbild sprechen, dann sprechen wir von einem
Vorstellungsbild. Jeder hat das von sich selbst.
Wie man auftritt, wie man denkt, wie man spricht und wie man sich bewegt, drückt
sich in vielen Handlungen, Gesten, Formen und Farben aus.
Ein solches Bild zu schaffen und zu erstellen, ist nicht einfach.
Es erfordert viel Zeit und es kann auch schnell wieder zerstört werden.
Wir müssen hingegen mehr als bislang erkennen und begreifen wer wir sind.
Daran müssen wir arbeiten - mitarbeiten - alle, wenn wir glaubwürdig sein wollen,
denn wir erwarten ja auch, dass diese Gesellschaft in der wir leben, unsere
Existenz erhält und sichert.
Dies geschieht aber nur, wenn man uns angemessen wahrnimmt und unseren
berechtigten Standort in der Gesellschaft zuerkennt.
Vergessen wir nicht:
In einer demokratischen Gesellschaft beginnt die Demokratie am Arbeitsplatz.
Dazu gehört wesentlich selbständiges Handeln durch die Fähigkeit vernünftiger
Einsicht. Auch für uns Designer kann in diesem Zusammenhang ein Ausspruch
Voltaires durchaus evident sein:
“Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun,
sondern auch für das, was wir nicht tun.³
Das war schon immer mein Leitspruch.
Nun musste ich auch feststellen:
Es gibt Menschen die für ihr Tun keine Verantwortung übernehmen wollen und
erst recht nicht für das, was sie nicht tun.
Ich spreche hier nicht allein von Verantwortung und Vernunft.
Hier geht es vielmehr - und leider allzu oft - um die Unvernunft und das Unvermögen
von Personen, die nur ihre Vorteile, ihr wirtschaftliches Fortkommen oder gar
gesellschaftlichen Status im Auge haben, alles andere ist Ihnen egal und interessiert
sie nicht - geschweige denn die Folgen ihres Tuns.
Wir verändern unsere Gesellschaft immer.
Ob wir es nun wollen oder nicht. Ob wir das nun bewusst oder unbewusst machen.
Ob wir das nun erkennen oder nicht erkennen. Ob es uns egal ist oder nicht - wir
tun es, auch unsere Untätigkeit verändert die Gesellschaft.
Das geschieht dann sicher nicht immer zum Vorteil aller.
Eine Gesellschaft in der die Menschenrechte und Menschenwürde wesentliche
Bindeglieder der Gemeinschaft sind, fordert auch die Verantwortung des eigenen
Denkens und Entscheidens.
Und eines ist auch gewiss: Dabei machen wir Fehler.
Aber darauf komme ich noch zu sprechen.
Natürlich ist das Thema Design und Verantwortung vielseitig und umfangreich.
Insofern kann hier nicht alles gesagt und besprochen werden. - Das würde etwas
mehr Raum verlangen.
So steht das, was ich hier vortrage, für Vieles, was ich hier nur andeuten kann.
Meine Ausführungen werden begleitet von einigen markanten Aussagen aus der
Welt des Entwerfens und Machens. Die Erfahrungen bekannter Designer, Autoren,
Philosophen und Wissenschaftler mögen mit ihrem Wissen die eigenen Standpunkte
kommentieren und festigen helfen.
Schließlich verstehe ich meinen Beitrag als einen interaktiven Prozess, der mit
der Forderung an Euch als Mitglieder der Allianz Deutscher Designer herantritt,
sich aktiv im Dialog mit den hier vorgetragenen Inhalten des Themas auseinander
zu setzten.
Design und Verantwortung
Einmischen, bewusst machen, verändern
Als wir diesen Titel festlegten war das Referat noch nicht fertig geschrieben.
Design und Verantwortung - das war klar.
Aber - Einmischen, bewusst machen, verändern - da war ich mir nicht so sicher,
ob es auch das treffen würde, was ich mit meinem Beitrag aufzeigen möchte. Aber wie
kann man das, wenn man ihn noch nicht geschrieben hat.
Heute sind meine Zweifel ausgeräumt: der Titel trifft.
Andererseits gehöre ich zu jenen Leuten, die ein solches Referat nie zu Ende führen.
Ich überarbeite, erweitere und verändere es ständig, denn mein Wissen und meine
Erkenntnisse verändern sich ja auch ständig, wenn ich an mir arbeite.
Darin sehe ich keinen Fehler - und wenn, fände ich es auch nicht weiter schlimm.
Denn nur derjenige lernt hinzu, der Fehler macht, sich selbst in Frage stellt,
korrigiert und so - bezogen auf den Berufsalltag - der leidigen Routine-Falle entgeht.
Auszug aus 2 + 3 = 4
Warum wir eine neue Fehlerkultur brauchen?
SWR2 Aula
“Dr. Manfred Osten, Kulturhistoriker, Autor, Wisenschaftler und ehemaliger
Generalsekrtär der Humbolt-Stiftung sagt:
,Sollten sie allerdings einen Fehler gemacht haben, und dies verdrängt haben,
dann ist dieses ganz schlecht.
Das Verdrängen begünstigt gerade in Deutschland eine fatale Null-Fehler-Kultur.
Wir bilden uns doch ein, fast keine Fehler zu machen, deshalb lassen wir ja auch
keine zu, in der Schule, im Betrieb, an der Universität.¹(...)
“Von Bismarck stammt der wenig schmeichelhafte Satz:
,Die Eitelkeit ist ein Defekt, den man von der Begabung abziehen muss, auf die
Gefahr hin, das vom Letzteren nichts mehr übrig bleibt¹.
Zur vielleicht größten Begabung des Menschen zählt seine Fähigkeit, aus
Fehlern zu lernen. Nun gibt es, wie das Bismarck-Zitat zeigt, ganz offensichtlich
menschliche Defekte wie die Eitelkeit, die diese Begabung auf fatale Weise
einschränken und behindern. Zu diesen Hindernissen zählt nicht nur die
Eitelkeit. Ein wesentlicher Defekt, der uns hindert, aus Fehlern zu lernen, ist
das Verdrängen unserer Fehler. Das ist eine sehr ambivalente Fähigkeit,
denn es ist eine Fähigkeit, die man auch positiv sehen kann. Das heißt, die
Kunst des Verdrängens ist offenbar ein in der biologischen Evolution
erworbener Fitness-Vorteil, sich an Unangenehmes nicht zu erinnern.
Wir tun dies z. B. besonders gerne, wenn wir unsere Memoiren schreiben.
Denn wir verfahren hier immer wieder nach dem Prinzip: ,Je älter ich werde,
desto besser bin ich gewesen.¹ ²
,Macht mehr Fehler und macht sie früher¹.'
Hast du heute schon einen Fehler gemacht? - mit solchen Fragen und
Parolen stimmen neuerdings Unternehmensberater ihre Klientel für diverse
Kreativitätsseminare ein. Die Wirtschaft hat gemerkt, dass man mit der
Null-Fehler-Mentalität nicht mehr weiterkommt, dass es sich lohnt, Fehler
zuzulassen. Und dieser Paradigmenwechsel betrifft auch andere Bereiche:
In der Schule, der Universität, in der Medizin, der Technik, der Philosophie
und Anthropologie stimmt man unisono zum Lob des Fehlers an, nicht um
dem Irrtum die Tür zu öffnen, sondern weil man weiß, dass es ohne Fehler
keine Kreativität gibt.²
(Teil I, veröffentlicht im Quartal 4.2006)
Design und Verantwortung (Teil II)
Ich möchte Euch einen Mann vorstellen, der mich sehr beeindruckt hat.
Sein Leben war sicher voller Probleme und Fehler. Ich weiß nicht, ob
man damals schon über die Wechselwirkung von Fehler und Kreativität
gesprochen hat. Aber er wusste sehr genau, welche verheerenden Folgen
durch Fehler entstehen können, wenn man nicht bereit ist, sich diese
Einzugestehen, auf sie einzugehen und aus Ihnen zu lernen. In vielen
seiner Schriften kommt das immer wieder zum Ausdruck.
Die meisten von Euch kennen ihn sicher oder haben schon einmal etwas
von ihm gehört.
Die Rede ist von Richard Buckminster Fuller. Er wurde am 12. Juli 1895 in
Massachusetts, USA, geboren. Er begann 1912 in Harvard zu studieren,
flog jedoch von der Universität und wurde Marinesoldat. 1917 heiratete er
Anne Hewlett in New York. 1927 im Alter von 32 Jahren war er bankrott
und ohne Anstellung, und nach dem Tode seines ersten Kindes nahe daran,
Suizid zu begehen. Er beschloss aber, sein weiteres Leben als Experiment
zu verstehen: Er wollte feststellen, was eine einzelne Person dazu beitragen
kann, die Welt zum Nutzen der Menschheit zu verändern. Er begann sein
Leben peinlich genau in einem Tagebuch zu dokumentieren, das er das
nächste halbe Jahrhundert lang führen sollte. Sein großer Erfolg begann
in den 1950er Jahren mit dem Bau von geodätischen Kuppeln. Er arbeitete
als Designer, Wissenschaftler, Forscher, Entwickler und Schriftsteller.
1968 wurde er Professor an der Southern Illinois University, später auch
an der University of Pennsylvania. Fuller erhielt zwischen 1954 und 1981
47 Ehrendoktorate und über 100 Auszeichnungen und Preise. Richard
Buckminster Fuller starb 1983 in Los Angeles, Kalifornien, keine 36 Stunden
vor seiner Frau Anne, mit der er seit 1917 verheiratet war. Aus der Ehe sind
zwei Kinder hervorgegangen.
Auszug aus
einem offener Brief von Richard Buckminster Fuller
An die Architekturstudenten der Welt
Neue Formen statt Reformen.
“In den zwanziger Jahren gab es nur wenige für Automobile brauchbare
Landstraßen. Verkehrsunfälle waren auf Städte und Vororte beschränkt, und
in unserer Nachbarschaft waren sie damals ziemlich häufig. Durch eine Reihe
von Unfällen wurde ich auf die behördlichen Bemühungen aufmerksam,
das Übel durch Warnschilder und durch ein größeres Aufgebot von
Verkehrspolizisten zu beseitigen. Abhilfe sollte durch Reform der Fahrer
geschaffen werden. Einzelfälle von besonders begabten Fahrern, die reiche
Erfahrung, gute Nerven, schnelles Reaktionsvermögen und eine Vorahnung
vom Verhalten anderer besaßen, wurden zu guten Fahrern. Die meisten
aber blieben nach wie vor anfällig für Unfälle. Solche den Ereignissen
nachhinkenden Reformen führten zu nichts weiter als sehr spezialisierten
Untersuchungen über Ursachen einzelner Unfälle. Meine eigenen
Überlegungen gingen dahin, allein durch antizipatorische Maßnahmen
Unfallmöglichkeiten zu vermeiden, und so kam ich zu Vorschlägen wie
Fahrbahntrennung, Trennung der Verkehrsarten, Kleeblattkreuzungen,
überhöhte Kurven und automatisch gesteuerte Ampelanlagen. Ich sah
keinen Grund, warum das Problem nicht durch Präventiv-Design statt
durch Reformversuche gelöst werden sollte. Ich beschloss: versuche
nicht den Menschen zu ändern - verändere seine Umwelt. Die sofort
einsetzende Reaktion auf meine Überlegungen argumentierte, dass das
alles viel zu teuer sei und zu viel Zukunftsmusik, dass zur Durchführung
viel zuviel Wissenschaft und Technik nötig sei, dass das Leben dadurch
viel zu mechanisch würde und dass die Rechte der Bundesstaaten
beeinträchtigt würden. Im Verlaufe eines halben Jahrhunderts sah ich
dann, wie wir diese teueren Bauten nun doch errichteten; aber erst,
nachdem uns zehn Millionen Verkehrstote noch weit teurer zu stehen
gekommen waren. (Das ist mehr als das Tötungspotential einer
Wasserstoffbombe auf New York.) Hinzu kommen Sachschäden,
die Dollarsummen astronomischer Größen erreichen. Überhaupt nicht
messbar aber sind das Leid und der Verlust bei der Zerstörung menschlicher
Beziehungen durch tödliche Verkehrsunfälle.
Ich sagte vorhin dieser Vortrag wird ein Diskurs und eine Exkursion
unseres Berufes und Lebens in die unbekannte Gesellschaft sein in der
wir leben.
Wichtig war mir die Frage:
Wie stellen sich die Menschen ihr eigenes Leben vor?
Auszug aus dem Buch
Eigenes Leben -
Ausflüge in die unbekannte Gesellschft, in der wir leben von Professor
Ulrich Beck und anderen:
Was meint - eigenes Leben?
“Es gibt im Westen der Welt wohl kaum einen verbreiteteren Wunsch als
den, ein eigenes Leben zu führen. Wer heute in Frankreich, Finnland,
Polen, der Schweiz, in England, Deutschland, Ungarn, in den USA und
Kanada herumreist und fragt, was die Menschen wirklich bewegt, was
sie anstreben, wofür sie kämpfen, wo für sie der Spaß aufhört, wenn
man es Ihnen nehmen will, dann wird man auf Geld, Arbeitsplatz, Macht,
Liebe, Gott usw stoßen, aber mehr und mehr auf die Verheißungen
des eigenen Lebens. Geld meint eigenes Geld, Raum meint eigenen Raum,
eben im Sinne elementarer Voraussetzungen, ein eigenes Leben zu
führen. Selbst Liebe, Ehe, Elternschaft die mit dem Verfinstern der Zukunft
mehr denn je ersehnt werden, stehen unter dem Vorbehalt, eigene, d.h.
zentrifugale Biographien zusammenzubinden und zusammenzuhalten.
Mit nur leichter Übertreibung kann man sagen: Das alltägliche Ringen um
das eigene Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt geworden.
In ihm drückt sich die Restgemeinschaft aller aus. Doch was um alles in
der Welt treibt die Menschen dazu, ausgerechnet nach den Sternen des
“eigenen Lebens² zu greifen? Was ist der Grund für diesen Aufbruch?
Was erklärt diese scheinbar individuelle und doch geradezu schematisch
ablaufende Bewegung, diesen Eifer, diese Lust und Angst, diese Routine
und Gewitztheit mit der viele Menschen um ihr eigenes Leben bangen
und ringen? Für viele liegt die Antwort auf der Hand. Nichts gesellschaftliches,
externes, die Menschen selbst sind der Grund, ihr Wille, ihre Anspruchsinflation,
ihr überschäumender Erlebnishunger, die abnehmende Bereitschaft,
auszuführen, sich einzuordnen, zu verzichten - das steckt dahinter. ²Das
eigene Leben ist der Versuch und die Versuchung, in sich selbst Grund,
Kraft, Ziel der Selbst- und Weltgestaltung zu finden. Dieser Versuch ist vom
Ende her gesehen, vom Scheitern bedroht. Dieses gibt dem eigenen Leben
seine Konturen: seine Flüchtigkeit, seinen Lebenshunger, seinen Geschmack
von Bitternis, Trostlosigkeit, von Ironie und Leichtigkeit.²
Ihr erinnert Euch sicher noch an die Fernsehwerbung die vor ein zwei
Jahren über die Bildschirme flimmerte:
Mein Haus, mein Swimmingpool, mein Segelschiff, mein Auto, mein
Pferd, meine Frau usw. ...
Ein gefährliches und gesellschaftsfeindliches Verhalten - finde ich. Eine
Gesellschaft in der der Mensch nur noch seine eigenen Vorteile und
Bedürfnisse sieht, kann nicht funktionieren. Eine Gesellschaft, ist eine
Gemeinschaft die durch die gemeinsamen Handlungen der Menschen
zustande kommt. Was hier unter “eigenes Leben² gefordert wird, kann
nur von vielen Menschen hervorgebracht werden. Der Einzelne kann
diese Forderungen alleine nicht erfüllen.
Der Anspruch und das Verhalten vieler Menschen, wie sie die Welt
wahrnehmen, in der sie leben, steht in keinem Verhältnis zu ihrem
wirklichen Wissens und Verständnishintergrund. Denn Information und
Wissen alleine reichen nicht aus sondern wie wir damit umgehen - nur
zu unserem eigenen Vorteil oder zum Vorteil aller.
Aus dem Vorwort von Carl Sagan,
Cornell University Ithaca, New York, zu
Eine kurze Geschichte der Zeit
von Stephen W. Hawking
“Wir bewältigen unseren Alltag fast ohne das geringste Verständnis
der Welt. Wir denken kaum darüber nach, welcher Mechanismus das
Sonnenlicht erzeugt, dem wir das Leben verdanken, was es mit der
Schwerkraft auf sich hat, die uns an der Erde festhält und ohne die wir
in den Weltraum davonwirbeln würden, oder mit den Atomen, aus
denen wir bestehen und von deren Stabilität unsere Existenz entscheidend
abhängt. Von Kindern abgesehen (die zuwenig wissen, um auf die
wichtigsten Fragen verzichten zu können), zerbrechen sich nur wenige
von uns länger den Kopf darüber, warum die Natur so ist, wie sie ist,
welchen Ursprung der Kosmos hat oder ob es ihn schon immer gegeben
hat, ob die Zeit eines Tages rückwärts laufen wird, so daß die Wirkungen
den Ursachen vorangehen, und ob der menschlichen Erkenntnis
unüberschreitbare Grenzen gezogen sind. Es gibt sogar Kinder - ich bin
einigen begegnet - , die wissen möchten, wie ein schwarzes Loch
aussieht, welches das kleinste Stück Materie ist, warum wir uns an die
Vergangenheit und nicht an die Zukunft erinnern, wie es kommt, daß
heute offensichtlich Ordnung herrscht, wo doch am Anfang das Chaos
war, und warum es ein Universum gibt.
In unserer Gesellschaft pflegen Eltern und Lehrer solchen Fragen noch
meist mit einem Achselzucken oder mit einem vagen Hinweis auf
religiöse Auffassungen zu begegnen. Manche beschäftigen sich nur
ungern mit solchen Themen, weil sie ihnen die Grenzen des menschlichen
Verstehens allzu deutlich vor Augen führen. Doch viele Teile der
Philosophie und der Wissenschaft sind aus solchen Fragestellungen
hervorgegangen.²
Design aber, war, bevor es eine ökonomische Größe wurde, eine
Kulturbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die auf historische
Stile orientierte klassische Kultur des Bürgertums zu überwinden.
War einst die Frage der Kultur, wie verhält sich der Mensch in einer
naturgegebenen Wirklichkeit in einer vorgegebenen Welt, so stellt sich
heute die Frage: Wie verhält sich der Mensch in einer neugefertigten
Welt, in einer Welt voll Güter, und technischer Gegenstände, gegen
die er sich behaupten und sogar verteidigen muss.
Kultur bedeutete ursprünglich Pflege und Verbesserung eines
Gegenstandes durch den Menschen, besonders seiner eigenen
Lebenstätigkeit. Kultur leitet sich von dem lateinischen Wort “colere²
ab, d.h. pflegen, hegen und anbauen. Anfangs wurde es zur
Bezeichnung des Zweckes der Bodenbearbeitung benutzt. Agracultura -
den Boden menschlichen Bedürfnissen dienstbar machen, sich die
Welt untertan machen - aber wie? - Sie zerstören, oder mit ihr im Einklang
leben? Das Schlimmste, was der Mensch im Laufe seiner Entwicklung
produziert hat, ist der Krieg und die Atombombe. Alles, was wir tun, und
alles was wir erschaffen, hat nicht nur Vorteile für uns und die Welt, in
der wir leben, sondern birgt auch immer Nachteile und Gefahren in sich.
Vieles, was wir produzieren und herstellen, dient nicht den reellen
Bedürfnissen der Menschen, sondern nur wirtschaftlichen Interessen.
Der Mensch eignet sich die Welt an in dem er sie gebraucht und verbraucht.
Angesichts der ökologischen und sozialen Probleme ist dies sehr fragwürdig
geworden. Deshalb ist es wichtig, trotz aller ökonomischer Versuchungen,
dass wir nicht nur drauflos produzieren, das gilt auch für uns als Designer,
sondern auch über die Folgen nachdenken und entsprechend ein
verantwortungsvolleres Handeln entwickeln. Die Kultur ist der philosophische
Überbau einer Gesellschaft und wichtiger Bestandteil einer Demokratie.
Design und Werbung ist eine Erfindung des 20 Jahrhunderts, entstanden
parallel zur industriellen Produktion. In der englischen Sprache bedeutet
“design² ursprünglich Entwicklung und Entwurf eines neuen Gegenstandes
oder einer neuen Sache. Im Deutschen gab es den Begriff “Gestaltung²,
der sich aber mehr auf die Form als auf die Technik bezog. Es entstand
der Begriff “Formgebung², dieser verschwand dann aber bald, weil
er den Eindruck vermittelte, daß man einem Gegenstand nur eine neue
Form überstülpt, einen Stil verpassen wollte. “Styling² war der neue
Begriff. Heute versteht man unter Design die Herstellung schöner Dinge,
als ästhetische Kreation, die den Käufer ansprechende Oberfläche -
schickes Ausehen. So ist Design heute ziemlich heruntergekommen.
Sie finden ihn als zentralen Bestandteil dessen wieder, was sich als
“Lifestyle² bezeichnet. Eine farben- und formenfrohe Verhaltensform
einer konsumbetonten postindustriellen Freizeitgesellschaft. Man
identifiziert sich nicht nur mit Marken und Modellen, man lebt in ihnen.
Der Jogging-Anzug wird zur zweiten Haut. Das haben clevere
Produzenten schon längst erkannt. So ist der Begriff Design zu einer
Worthülse geworden ohne Inhalt. Designer-Pizza, Designer-Wurst,
Designer-Brille, Designer- Anzug, Designer-second-Handschop,
usw. So bedient sich jeder Hans und Franz des Begriffs Design, so
erfährt das Wort Design eine Inflation als deformierter undifinierbarer
Qualitätsbegriff. Das hat auch Folgen an denen wir mit beteiligt sind.
Auszug aus aus einem Artikel der Woche,
vom 16.10.1998, mit dem Titel:
Design oder nicht sein
Eine gelungene Einheit von Form und Funktion
bringt Wettbewerbsvortteile - doch viele Unternehmen
verkennen die Chance:
“(...) ,Die Unternehmer fühlen sich schnell über den Tisch gezogen¹,
lautet die Erfahrung von Hennig Horn der die Aufgabe des
staatlichen Design Centers darin sieht, gerade kleinen Firmen den
Wert von Design nahe zu bringen. Die Kommunikation sei meist
schwierig, oft sei nicht klar, nach welchen Maßstäben die Leistungen
beurteilt werden sollten. Und natürlich gebe es überall schwarze
Schafe: ,Die einen denken mehr in Zuammenhängen, die anderen
mehr in Kontobewegungen¹, so Horn. Hartmut Esslinger formuliert es
drastischer: 90 Prozent der deutschen Designer sind Feiglinge,
die alles machen um einen Auftrag zu bekommen. Kein Wunder,
das viele Chefs mit ihnen nichts anfangen können und sie für eine
Art Bildchenmaler halten. Vielleicht ist es die Angst vor verkappten
Künstlern - jedenfalls scheuen sich gerade kleine und mittlere
Unternehmen, Design einzusetzen. Auf 85 Prozent schätzt Hennig
Horn den Anteil der Design-Verweigerer. Das Münchner Ifo-Institut
für Wirtschaftsforschung, das im Auftrag des Stuttgarter Design
Centers diesem Phänomen nachging, erlebte das Desinteresse ganz
krass: Von 5500 Unternehmen, denen die Forscher Fragebögen
schickten, antworteten nur 250 - nicht mal 5 Prozent.
Wenn schon von Identität und Haltung die Rede ist, dann sollte
auch an die einmal erinnert werden, für die diese Forderung immer
schon Programm war.
Als 1907 bildende Künstler, Architekten, Industrielle, Kaufleute
und Schriftsteller sich zusammenfanden und den Deutschen
Werkbund gründeten, war ihr erklärtes Ziel “Die Veredelung der
gewerblichen Arbeit im Zusammenhang von Kunst, Industrie
und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene
Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.² Der Deutsche Werkbund
vertrat einen ethisch fundierten Qualitätsbegriff in einer wesentlich
am Profit orientierten Industriegesellschaft. Er bekämpfte Schund
und Talmi und trat für die gute, sachliche Form aller uns dienenden
Gegenstände ein: vom einzelnen Gebrauchsgegenstand bis zur
Stadtplanung.
Heute befindet sich der Werkbund mitten in einer Neuorientierung.
Seine Aufgaben und Ziele haben sich erweitert: Im Zuge der
technischen Entwicklung, die alle Lebensbereiche umfasst, sind
die Aktivitäten und Interessen vom Verantwortungsbewusstsein
zur Erhaltung und Verbesserung des Lebens und der Lebensgrundlagen
getragen. Diese Fragen sind heute nach wie vor offen. So kann
heute die Form nicht mehr alleine ausreichen, Gestaltungsarbeit zu
definieren. In Ulm (Fachhochschule für Gestaltung) wurde die Tatsache
der industrialisierten Welt als Realität und Bezug der eigenen Arbeit
erkannt. Nicht die schnelle Vermarktung war das Ziel, sondern die
Erhöhung des Gebrauchswertes, das Entwerfen von dauerhaften
Gütern und eine Reduzierung von Materialverschwendung waren die
Ziele.
Noch einige Anmerkungen zum Schluss:
Einige von Euch werden vielleicht jetzt sagen:
Was du uns da über Design und Verantwortung, Identität und Haltung,
unseren Beruf und Gesellschaft gesagt hast ist ja schön und gut. Aber
wie stellst du Dir das eigentlich vor? Sag das mal den Anderen. Wer
hält sich denn daran? Jeder macht doch sowieso was er will. Und
irgendwie muss ich ja auch lebe.
Falsch!
Solche Leute gibt es natürlich in einer großen Vielzahl.
An denen müssen wir uns aber nicht orientieren. Sie verändern zwar die
Welt durch ihr Nichtstun auch, aber nicht zum Vorteil.
Sie wollen an den Ergebnissen teilhaben und an den Vorteilen
partizipieren ohne ihr eigenes dazutun.
Es gibt auch andere kritisch denkende Menschen. Für sie ist das keine
Antwort. Einige davon habe ich zu Wort kommen lassen, und davon gibt
es eine beachtliche Zahl, andere treten nur nicht so in die Öffentlichkeit.
Für sie stellt sich die Frage anders.
Sie wollen nämlich was tun!
Wo stehen wir heute?
Was machen wir?
Wer oder was ist die Allianz Deutscher Designer?
Ich hatte gesagt: Ich gebe keine Rezepte oder Ratschläge.
Denn die Entscheidung etwas zu tun, muß jeder mit sich selbst
ausmachen. Nur so kann etwas funktionieren.
Hier dennoch eine Hilfestellung:
Auf die Frage, warum wir die Dinge nicht so sehen wie sie sind:
gibt es drei Möglichkeiten der Reaktion.
Hier darf sich jeder selbst einordnen:
Auszug aus
Bauen als Umweltzertörung.
Alarmbilder einer Un-Architektur der Gegenwart
Rolf Keller
Ausgezeichnet durch den Westschweizerischen Werkbund:
1.
Wir können durch Abwehrmechanismen
den Zustand beschönigen, das Unbehagen
verdrängen oder durch eine Immunisierung
uns selbst betrügen
2.
Wir können das Unheil bewusst über uns
ergehen lassen, uns davor zurückziehen
und es erdulden.
3.
Wir können sehen, was wir wahrnehmen, die
Konfrontation ertragen, die Ohnmachtserfahrungen
überwinden, die Aggressionsmechanismen
durchschauen.
Abschließend bedanke ich mich für Eure Aufmerksamkeit
und Geduld.
*Jean Ziegler, Schweizer Soziologe und UN-Sonderberichterstatter
für das Recht auf Nahrung, warnt vor einer Refeudalisierung der
Welt. Multinationale Konzerne sind für ihn die neuen Kolonialherren,
die die Massenvernichtungswaffen Hunger und Verschuldung
einsetzen. Ihre willigen Helfer WTO und IWF sollten aufgelöst
werden. FR )
(Teil II, eingeleitet in: einViertel 2007)




