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U+1E9E: das große SZ

Umstritten, aber mit Unicode – Ansichten und Aussichten

Am 4. April 2008 ist mit dem Erscheinen des Unicode-Standards Version 5.1 der Großbuchstabe Scharf-S aufgenommen worden und hat den Platz U+1E9E erhalten. Was halten die Typografen davon?
Wir haben Andreas Maxbauer gefragt, er ist AGD Designer und Vorsitzender des Forums für Typografie:

"Die Diskussion über das versale ß wird im Typoloquium – dem Internetforum des Forum Typografie – seit einem Jahr geführt. Die wesentlichen Standpunkte kurz zusammenfasst sind:
 
Der sprachliche Aspekt

Es gibt im Versalsatz beim ß keine Eins-zu-eins-Entsprechung gegenüber dem Kleinbuchstabensatz, daher können Vokale manchmal falsch ausgesprochen werden. Etwa in Worten wie Maßschneiderei – MASSSCHNEIDEREI oder bei Eigennamen wie Rößler – RÖSSLER. Die amtliche Rechtschreibung sagt: 'Bei Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man SS.' Ab und an ist das kleine ß im Versalsatz zu sehen, Maßschneiderei – MAßSCHNEIDEREI zum Beispiel.
Auch wenn dies nicht dem Ideal entspricht, so kommen die meisten Leser gut damit zurecht. Die Kernfrage ist daher, ob diese deutsche Eigenheit so relevant ist, dass dafür eine typografische Form gefunden werden muss, die weitestgehend unbekannt ist.
 
Der typografisch-historische Aspekt

Das ß ist eine Ligatur (Buchstabenverbindung) aus einem historischen Lang-s – siehe Hasseröder-Schriftzug – und dem heute gebräuchlichen Rund-s. Als Großbuchstaben werden beide seit alters zum üblichen Versal-S. Insofern ist die Empfehlung in der amtlichen Rechtschreibung im Versalsatz SS statt ß zu schreiben, typografisch-historisch korrekt.
Dennoch darf man getrost ein 'neues' Zeichen machen, denn viele Zeichensätze enthalten Symbole, die nicht der Standardcodierung entsprechen: So weist die rund 470 Jahre alte Garamond ein seinerzeit unbekanntes Euro-Zeichen auf; so enthalten manche Schriften historische Ligaturen und Lang-s, die heute unüblich sind.
 
Der schriftästhetische Aspekt

Die überwiegende Anzahl von Kolleginnen und Kollegen ist sich einig darin, dass die meisten vorgestellten Versal-ß noch unschön sind. Oft sehen die Versal-ß nach vergrößerten, verbreiterten, teilweise ungeschlachten Gemein-ß aus, bei den Fetten manchmal besser gelungen als bei den Normalen.
Der zweite Aspekt in der Kollegendiskussion dreht sich um 'gewöhnungsbedürftig', weil das Zeichen als Fremdkörper wirkt. Auch weil eine Schriftdesigner-Grundregel lautet, dass einzelne Zeichen im Gesamtgefüge nicht auffallen sollen. Tun sie hier aber.
 
Der praktische Aspekt

99,985 bis 99,995 Prozent der Schriften verfügen über kein Großbuchstaben-ß. Die wenigen Schriften, die das Zeichen enthalten, werden im Wesentlichen von einer Handvoll Kollegen entworfen, die mit bewundernswerter Energie den Normungsprozess und die dazu gehörende Öffentlichkeitsarbeit betreiben.
Dass eine nennenswerte Zahl an Schriftdesignern das neue Zeichen implementiert, nur weil es unicodiert ist, scheint unwahrscheinlich. Und für die bereits auf den Rechnern befindlichen Schriften ist keine Lösung in Sicht; denn anders als bei den nachgelieferten Euro-Zeichen müssen die Versal-ß sehr viel genauer zur Schriftästhetik passen.
 
Etwas salopp zusammengefasst ist die überwiegende Meinung im Typoloquium: Wir erkennen die sprachlich-typografische Problematik. Halten sie aber nicht für so relevant, dass ein eigenes Zeichen notwendig ist. Weil aber das Forum Typografie für Neuerungen zu haben ist: Lasst die Jungs mal machen. Vielleicht werden später folgende Versal-ß besser und einladender für ihren Gebrauch.'"

Andreas Maxbauer/cs

P.S. Auf Signographie.de finden Ungeduldige bereits Tastaturtreiber für alle gängigen Betriebssysteme, mit denen sich das große SZ mit dem Unicode 1E9E einsetzen lässt. Vorausgesetzt, man verfügt über einen Schriftfont, der das versale SZ auf dieser Position enthält.