TYPO Berlin 2009: Space
"Ein bisschen mehr Politik"
Die 14. TYPO in Berlin war kritisch und politisch. Die Diskussionsveranstaltung "Die Zukunft des deutschen Kommunikationsdesigns" gehörte zu den begehrtesten Terminen der gesamten Konferenz, in vielen Vorträgen gab es kritische Blicke auf Arbeitsweisen und -situationen von Designern. Aber auch großartige Anregungen, wie es anders, besser gehen kann.
Die AGD war – wie bereits in den letzten Jahren – auch auf dieser Typo höchst präsent: Heide Hackenbergs Workshop "Zwischen Abschluß und Art Direction: Basics für einen erfolgreichen Start" wurde sehr gut besucht, Florian Fischer und Thomas Hoyer referierten in der Typo Hall und im Typo Lab und das Team um Aladdin Jokhosha betreute drei Tage lang den AGD Infostand im Foyer. Allen Aktiven einen herzlichen Dank!
Designkammer ohne Chance
Auf der diesjährigen Typo Berlin gäbe es „ein bisschen weniger Unterhaltung und ein bisschen mehr Politik“ - so leitete Jürgen Siebert, Marketing-Vorstand der FontShop AG, die Pressekonferenz zur Eröffnung der Typo 2009 ein. Das Epizentrum der politischen Typo-Debatte bildete die Podiums- und Publikumsdiskussion unter dem Titel „Aufbruch oder Resignation? Die Zukunft des deutschen Kommunikationsdesigns“. Geladen waren Designer, Designpolitiker und Designpublizisten wie Erik Spiekermann, Tanja Mühlhans von der Wirtschaftsverwaltung des Berliner Senats und Heide Hackenberg. Jürgen Siebert erklärte, wie es zu dem Mehr an Politik bei der Typo kam: „Im Fontblog gab es kontroverse Debatten um die Ausschreibung für das neue Logo der Stadt Cottbus und um die Schaffung einer Designkammer – da dachten wir, daraus könnten wir ja eine Live-Veranstaltung machen.“
Designkammer nicht gewünscht
Die Design- und Berufspolitik interessierte viele der über 1200 Typo-Besucher; die Diskussionsveranstaltung war überfüllt. Schnell stellte sich in den 6-minütigen Minireferaten der Podiumsteilnehmer heraus, dass die überwältigende Mehrheit der acht Diskutanten keinen Sinn in einer Designkammer sieht. So formulierte Heide Hackenberg: »Die Reichskulturkammer mit ihren rigorosen Berufsverboten wurde 1945 abgeschafft. Aus dieser bitteren Erfahrung sollten wir lernen!« Eine Designkammer würde nur einschränken und keine der aktuellen Probleme der Designer lösen. Ein anderer Redner wies darauf hin, dass alle Zwangsmitglieder von beruflichen Kammern, die er kenne, am liebsten aus ihren Kammer austreten würden – was sie jedoch nicht könnten. Wirtschaftlich gehe es den Architekten nicht besser als den Designern, obwohl erstere verkammert seien.
Design sei eine Haltung, betonte Erik Spiekermann, und könne durch keine Kammer verordnet werden. Seine Werdegang zum Designer belege, dass eine Reglementierung des Berufes keine neue Qualität schaffe, sondern Qualität begrenzen würde – Erik Spiekermann ist Quereinsteiger und gab öffentlich zu: „Ich bin ein Photoshop-Looser!“
Politik wünscht sich einen Ansprechpartner für die gesamte Designbranche
Auch wenn sie nicht für eine Designkammer stritt, so wünschte sich Tanja Mühlhans von der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft doch eine Fokussierung der Designlandschaft und einen zentralen Verband oder eine Organisation als Ansprechpartner für die Politik. Denn die Designbranche sei sehr kleinteilig und heterogen, einen Ansprechpartner, der für die ganze Branche sprechen könnte, gäbe es bislang nicht. Wie die spätere Diskussion mit dem Publikum zeigte, wird dieser Wunsch von vielen Kreativen geteilt. Einige der Rednerinnen und Redner aus dem Publikum sagten, sie sähen schlicht keinen Sinn darin, in einem Verband Mitglied zu werden – und die verschiedenen Verbände werden von so manchem Designer als untereinander zu stark konkurrierende Organisationen wahrgenommen.
Vertreter der Allianz deutscher Designer und des Bundes Deutscher Grafik-Designer setzten dagegen, dass die Verbände sich in der Initiative Deutscher Designverbände zusammengeschlossen und zum Beispiel gemeinsame Forderungen an die Politik aufgestellt hätten. Ein Mehr an gemeinsamer politischer Arbeit sei auf den Weg gebracht.
Designer sind selber schuld
Das bisher mangelnde Gehör, das Wirtschaft, Verwaltungen und Politik der Designwirtschaft schenken, sei nicht Mängeln der Designerverbände geschuldet, sondern den Designerinnen und Designern selber, sagte der Designer HD Schellnack: „Wir werden zum Wurmfortsatz irgendwelcher Marketing-Abteilungen.“ Er stellt fest: „Wir brauchen mehr Respekt!“ Seine Lösung: „Sich selbst lieben und Liebe geben!“ Henning Krause, Präsident des Bund Deutscher Grafik-Designer fasste das Problem so zusammen: „Wer sich scheiße präsentiert, wird auch scheiße bezahlt.“
Allerdings brach Erik Spiekermann eine Lanze für alle Kollegen, die für Gemeinden, Städte und Regierungen arbeiten würden: Die öffentliche Hand sei einfach ein schlechter Auftraggeber, der die Designqualität so gut wie gar nicht beurteilen könne. Dem widersprach Tanja Mühlhans vehement: Ihre Erfahrungen mit Designern seien durchwachsen, oftmals werde nicht auf den Auftraggeber eingegangen und Termine würden nicht eingehalten. Bevor man die öffentliche Hand pauschal an den Pranger stelle, solle man erst einmal die gegenseitigen Erfahrungen austauschen. Ihr Rat: „Fragt doch mal die andere Seite!“ Ein Problem sei allerdings, dass bei Ausschreibungen zu oft der preislich günstigste Anbieter ausgewählt werde, obwohl die Designleistung, die am Ende steht, mit einem anderen Anbieter besser gelöst worden wäre. Hier gäbe es zwar auch bei öffentlichen Haushalten Möglichkeiten, den zweit- oder drittgünstigsten Anbieter einer Ausschreibung bei besserer inhaltlicher Eignung und Qualität zu beauftragen, doch mache die dann notwendige Begründung Mühe und verursache Arbeit – wovor sich vielerorts Verwaltungen scheuen.
25 Mal abbeißen
Das Thema Ausschreibungen und Wettbewerbe nahm einen großen Teil der Diskussionen ein. Einig war man sich, dass unbezahlte Pitches und nicht-transparente Ausschreibungen ein um sich greifendes Übel in der Branche seien. Florian Pfeffer, Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, bebilderte Pitches, bei denen 25 Teilnehmer aufgefordert werden, ohne Bezahlung ihre Ideen feilzubieten, so: Man stelle sich eine Bäckerei vor, in der ein Kunde allen Ernstes verlangt von 25 Brötchen abbeißen zu dürfen, um sich dann für das für ihn angenehmste zu entscheiden. Was die Verkaufskraft hinter dem Tresen sofort tun würde, nämlich den Kunden aus dem Laden zu werfen, empfahl Florian Pfeffer auch allen Desigern: Macht bei solchen Ausschreibungen nicht mit!
Fazit
Die Debatte lässt sich so auf den Punkt bringen: Eine Designkammer brauchen wir nicht – wohl aber mehr Respekt vor unserer eigenen Arbeit und die Fähigkeit, unser Können und unsere Begeisterung für Design auch Nicht-Designern packend zu vermitteln.. Nach über drei Stunden heftiger und lebendiger Diskussionen war klar, dass Berufspolitik in Zukunft ein ständiger Bestandteil der Typo Berlin sein sollte.
bb
Raum beflügelt
Die Präsentation von Florian Fischer AGD begann mit dem Klang eines Gongs im Raum. Später brachten Teilnehmer des Publikums Plakate mit Buchstaben auf die Bühne und stellten sich zu Begriffen auf. Ein Drahtgitter aus dem Messebaubereich wurde durch Florian Fischer zu einem schwebenden Objekt, das auf den erhobenen Händen aus dem Publikum durch die große Halle glitt. Keinen Vortrag, sondern eine interaktive Präsentation hatte Florian Fischer versprochen. Er hielt sein Versprechen, er überraschte und verband die Performance mit philosophischen Ausflügen und Ratschlägen für den Designer-Alltag: "Treffen Sie sich mit Ihren Kunden nicht im Büro, treffen Sie sich an unbekannten Orten." "Betrachten Sie nicht nur das jeweils Einzelne, denn das Verständnis kommt aus dem Zwischenraum, er ist die Verbindung zwischen den Dingen." "Lassen Sie in Beziehungen zu Auftraggebern Raum für gemeinsame Entwicklungen." Dem Unerwarteten Raum zu geben, ist ein Erfolg versprechender Weg, "das Unerwartete, es fliegt".
cs
USA: Design für Obama
Unter dem Titel „Space of Change: Obama’08 und die Worte des Wandels“ berichtete der US-amerikanische Designer Sol Sender von seiner Arbeit am Kampagnenlogo von Barack Obama. „Es war ein Einmal-im-Leben-Auftrag“, erzählte Sol Sender und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: „Vielleicht reicht es auch für zwei Leben.“ Für ihn war die Obama-Kampagne ein Segen: Er hasse es, wenn der Auftraggeber keine Leidenschaft oder Mission besitze und vermittele. So habe „ein aufregender Kandidat ein aufregendes Design“ erhalten können. Ob er seitdem viele Anfragen von Politikern und Parteien aus aller Welt bekomme, die über ihn einen ähnlichen Erfolg wie die Obama-Kampagne erreichen wollten, wurde er gefragt. Sol Sender antwortete, es habe schon einige Anfragen gegeben, aber es sei niemand dabei gewesen, für den er gerne arbeiten wolle. Er sei sich bewusst, dass das Design der Obama-Kampagne weltweit beachtet wurde. So habe Benjamin Netanjahu, der jetzige israelische Staatspräsident, die Obama-Website für seine Wahlkampagne komplett abgekupfert – „bis zum letzten Quadrat“.
bb
Australien: Write here, send now
Gemma O'Brien zeichnete noch während der Pressekonferenz mit einem schwarzen Edding Schriftzeichen auf ihren Körper. Aufmerksam wurden die Typo-Macher auf die australische Designerin, weil sie für ein Anti-Graffiti-Projekt die Kampagne „Write here, right now – schreibe hier, genau jetzt“ entwickelte und ihren kompletten Körper in bester Typographie beschriftete. Zuvor hatte sie in einer Semesterarbeit einen Sommer lang ein Buch über Schriften recherchiert und geschrieben. Weil der Postdienst FedEx ihr Manuskript nicht nach Großbritannien verschickt hatte, es sollte dort gedruckt werden, beschriftete sie im zweiten Anlauf ihr Paket mit allen Hasstiraden gegen FedEx, die ihr einfielen – natürlich auch hier in formvollendeter typographischer Manier. Ihr Buch (und vielleicht auch das Paket) brachten ihr die Mitgliedschaft in der International Society of Typographic Designers ein. Sie habe in diesem einen Sommer mehr über Schrift gelernt, als bis dahin in ihrem ganzen Studium.
bb
Spaß an der Perspektive
„Van Gogh war nicht wirklich an Perspektive interessiert“, erklärte der kanadische Typograph Nick Shinn in seinem Typo-Vortrag „Eine kurze Geschichte der Perspektive“. Nick Shinn ist es, denn was mache Raum ohne Perspektive aus, fragte er. In seinem Vortrag reiste er zu den Anfängen der perspektivischen Darstellung und wanderte mit dem Publikum bis zur Gegenwart, in der moderne Architektur versucht, die klassische Perspektive mit runden Formen scheinbar ohne Fluchtpunkt bewusst zu überwinden. Er berichtete, dass zwischen 1435 und 1800 über 800 Bücher geschrieben worden seien, die sich mit der Darstellung der Perspektive beschäftigten. Im 18. Jahrhundert hatten die Autoren immensen Erfolg mit Büchern, die jenseits der Realität zeigten, welche 3D-Ansichten rein zeichnerisch möglich waren – quasi als Vorlauf zu den Illusionen von Maurits Cornelis Escher, der allerdings erst 1898 in den Niederlanden zur Welt kam. Übrigens sind die als modern geltenden 360°-Fotografien historisch gesehen ein alter Hut: Gezeichnete Panoramen wurden schon 1793 erfunden und waren zu ihrer Zeit eine Publikumssensation. Die ersten 360°-Fotos entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts; so zeigte ein fotografisches Panorama San Francisco nach dem Erdbeben von 1906.
bb
Space, Spaß und verdrehte Sinne
Kalligraphie, so Thomas Hoyer AGD, ist im Bewusstsein von Designern sehr wenig präsent. Das könnte sich nach der TYPO 2009 ein wenig geändert haben: Die Workshops des Kalligraphen waren mehr als ausgebucht, und auch sein Vortrag "Space is the Spice of Lettering" war gut besucht. Wie füllt man Räume mit Buchstaben? Und wie füllt man die Räume dazwischen? Thomas Hoyer zeigte viele Möglichkeiten, die uns lehrten, belustigten, verblüfften. Der gefüllte Raum hat vielerlei Einfluss auf den Sinn der Kalligrafie, kann ihn komplett verändern oder Bedeutungen verstecken. Im Extremfall ist nicht einmal klar: Ist das Buchstabe oder Zwischenraum? Und ist die Welt nun schwarz oder weiß?
cs















