Im Wortlaut:
Stellungnahme der Allianz deutscher Designer zum Forschungsbericht "Gesamtwirtschaftliche Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland"
Die Allianz deutscher Designer AGD dankt dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie den Autoren der Studie, die die Bedeutung dieses „neuen Wirtschaftszweiges“ betonen und mit harten Fakten untermauern. Im Namen der weit über 3000 in der AGD organisierten selbstständigen Designer aller Fachbereiche bedanken wir uns für diesen wichtigen Schritt zur Anerkennung der Leistungen unseres Berufsstandes.
Die Studie belegt die große gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft eindrücklich: Mit einer Bruttowertschöpfung von 61 Milliarden Euro in 2006 ist die Kultur- und Kreativwirtschaft eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft, die die Wirtschaftsleistung beispielsweise der Chemischen Industrie und der Energiewirtschaft deutlich überragt.
Die AGD stellt fest, dass die Designwirtschaft im Jahresvergleich zwischen 2003 und 2008 zum Zugpferd der Kultur- und Kreativwirtschaft geworden ist: Der Spitzenwert von 8,4 Prozent durchschnittlichen jährlichen Wachstums beim erwirtschafteten Umsatz hebt sich von den anderen Teilmärkten deutlich ab. Auch bei der Entwicklung der Anzahl der Erwerbstätigen nimmt die Designwirtschaft einen Spitzenwert ein: von 125671 Erwerbstätigen in 2007 auf 132414 Erwerbstätige in 2008. Bei der Wachstumsrate liegt die Designwirtschaft wieder auf Platz eins: 5,5 Prozent mehr Arbeitsplätze wurden 2008 im Vergleich zu 2007 in der Designwirtschaft geschaffen.
Wir erwarten mit Freude, dass sich die herausragende Rolle der Designwirtschaft innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft in den politischen Entscheidungsprozessen wiederspiegelt.
Wir begrüßen die definitorische Fokussierung der Autoren auf den „schöpferischen Akt“ und sehen darin eine neue Qualität. Auch die auf die Größe der Unternehmen bezogene Analyse der Kultur- und Kreativwirtschaft leuchtet diesen Wirtschaftszweig besser aus und lenkt das Augenmerk auf die vielen Freiberufler und Kleinstunternehmen: Laut Studie sind 75 % der Unternehmen in der Designwirtschaft Freiberufler und Kleinstunternehmen.
Wir nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass der Umfang der vorliegenden Studie eine vertiefende Behandlung von Themenfeldern wie Urheberrecht, Künstlersozialkasse und Ausbildungsqualität nicht zuließ. Wir betonen daher unser Interesse daran, dass fortführende Studien zeitnah die Arbeit der aktuellen Erhebung ergänzen. Gerade die Themen Urheberrecht und Steuerrecht sind für die Designwirtschaft von erheblicher Bedeutung.
Im Urheberrecht muss das Vermarktungshindernis des individuellen Nachweises der Schöpfungshöhe abgeschafft werden. Designleistungen sollten generell und automatisch dem Urheberschutz unterliegen. In Anlehnung daran sollte das Umsatzsteuerrecht angepasst werden: Designleistungen inklusive der daran vergebenen Nutzungsrechte sollten verbindlich und ohne Einzelfallprüfung dem Umsatzsteuersatz von 7% unterliegen.
Auch die Frage, wie die Künstlersozialkasse (KSK) gesichert und langfristig finanziert werden kann, ist für alle Kreativen von elementarem Interesse. Ob die auftraggebenden Unternehmen entlastet und die Designwirtschaft sowie die Öffentliche Hand ihren Finanzierungsanteil anheben sollten, muss diskutiert und in den Folgen abgeschätzt werden.
Wir freuen uns, dass unsere im bisherigen Forschungsprozess gegebenen Anregungen und Forderungen bei dieser Studie berücksichtigt wurden und Eingang in die vertiefenden Studien finden werden.
Zu den einzelnen Empfehlungen der Autoren nehmen wir wie folgt Stellung:
Monitoring und Fortschreibung der qualitativen Analysen
Die Allianz deutscher Designer begrüßt das Monitoring und die Fortschreibung der quantitativen Analysen zur Kultur- und Kreativwirtschaft. Besonders die Situation kleinster Unternehmen und Freiberufler verdient Beachtung. Stichworte sind insbesondere Urheberschutz, Umsatzsteuerrecht, Altersvorsorge, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Arbeits- und Lebensmodelle.
Die Schaffung eines Prognoseinstruments zur Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung ist wünschenswert.
Die Allianz deutscher Designer sagt allen Anstrengungen, eine geeignete wissenschaftliche Methodik zu entwickeln, wie bisher ihre Unterstützung zu.
Öffnung bestehender Förderprogramme
Die Öffnung der verschiedensten Förderprogramme für Unternehmen und Freiberufler aus der Kultur- und Kreativwirtschaft hält die AGD für einen wichtigen Schritt.
Das Ergebnis der Studie, dass Kleinstunternehmen keinen Zugang zu bestehenden Programmen finden, deckt sich mit unseren Erfahrungen aus der Praxis: Zu hoch sind die Hürden, zu fremd sind die Wege.
Aufbau eines Expertennetzwerks
Insofern halten wir die Empfehlung, ein Expertennetzwerk zur Beratung einzurichten, für richtig und wichtig. Die Option, „Coachings on the job“ wahrzunehmen, erscheint uns praxisnah und der kleinteiligen Akteursstruktur gerecht werdend.
Beratungsgutscheine für eine kostenlose Erstberatung können dazu dienen, Hemmnisse abzubauen.
Aufbau einer bundesweiten Branchenplattform
Die Kultur- und Kreativwirtschaft braucht Informationsknoten und zentrale Ansprechpartner. Die Bildung einer Branchenplattform der Kultur- und Kreativwirtschaft mit Geschäftsstellenfunktion findet unsere Zustimmung. Die Geschäftsstelle sollte der Beratung von Unternehmen und Freiberuflern, Auftraggebern und Politik dienen. Informationsweitergabe, Weiterbildung, die Bekanntmachung von Förderprogrammen, die Vermittlung von Ansprechpartnern sowie eine Schaufensterfunktion sollten ihre Kernaufgaben sein.
Die Ausrichtung einer Jahrestagung aller elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft unterstützen wir ausdrücklich. Schon seit einigen Jahren setzen wir und z.B. für die Etablierung eines „Kreativparlaments“ ein. Auch die Organisation von Konferenzen der Teilbranchen und branchenübergreifender Panels ist überaus wichtig und sollte Aufgabe einer Branchenplattform sein.
Damit würde die dringend notwendige bessere Vernetzung und Selbstorganisation der Kultur- und Kreativwirtschaft beschleunigt und branchenübergreifend gestützt werden.
Entwicklung von Bewertungsmaßstäben für Banken und Wirtschaftsförderer
Zugleich sehen wir dringenden Informations- und Innovationsbedarf bei Banken und Wirtschaftsförderern. Die besonderen Charakteristiken von Kreativschaffenden und ihren Unternehmen sind dort meist unbekannt. Maßnahmen wie ein bundesweites Traineeprogramm erscheinen sinnvoll.
Ausweitung der Bundespreise
Die Empfehlung, die Bundespreise auszuweiten, klingt zunächst gut. Die Allianz deutscher Designer empfiehlt jedoch dringlich, eine Ausweitung und Aufwertung des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland – die wir uns wünschen – mit einer deutlichen Reform des Preises zu verbinden.
Seit Jahren kritisieren wir und andere Fachverbände und -organisationen die Struktur, das Nominierungsverfahren und die Kosten für die Teilnehmer:
- Der Rat für Formgebung lässt nur Designprodukte zur Teilnahme zu, die bereits mit einem anderen, größtenteils kommerziell konzipierten und mit hohen Beteiligungskosten verbundenen Designpreis ausgezeichnet worden sind. Durch diese Qualifizierungshürde schließt der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland viele Klein- und Kleinstunternehmen sowie Freiberufler aus. Der Preis ist somit nicht ausschließlich an Qualität orientiert sondern setzt ein hohes finanzielles Engagement der Einreicher voraus.
- Der Begriff der „Nominierung“ unterstellt eine eigenständige Auswahl des Auslobers. Dies trifft jedoch nicht zu, da nur Gewinner eines anderen Designpreises „nominiert“ werden. Dadurch akzeptiert der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland von ihm nicht zu beeinflussende Kriterien statt eigene Qualitätsmerkmale zu definieren.
- Der Preis zeichnet zunächst nicht aus, er kostet. Beim Designpreis der Bundesrepublik Deutschland müssen die Teilnehmer und Gewinner zahlen. Neben der Teilnahmegebühr, die von jedem teilnehmenden „Nominierten“ erhoben wird, fallen für die Gewinner auch noch Veröffentlichungskosten im vierstelligen Eurobereich an. Bei 1240 Teilnehmern in 2009, die mehrere Hundert Euro an Gebühren zahlen müssen, sowie den Veröffentlichungskosten kommen auf der Einnahmeseite mehrere Hunderttausend Euro zusammen. Der Preis ist selber undotiert.
Unbestritten ist der positive Werbeeffekt für deutsches Design gegenüber dem Weltmarkt und die Auszeichnung des Einsatzes von Design als Innovations- und Wirtschaftsfaktor. Leider schließt der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland aber alle Designer in Deutschland aus, die sich nicht an kommerziellen Wettbewerben als kostenintensive Eigenwerbung beteiligen. Er bietet für die von Teilnehmern erbrachten Leistungen zu wenig Gegenleistung – er wirkt für viele Designer unerreichbar, unnahbar und zu teuer.
Die Allianz deutscher Designer kann sich eine Struktur des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland, die auf Landeswettbewerben fußt und im Bundeswettbewerb mündet, sehr gut vorstellen. Die Teilnahme sollte kostenfrei möglich sein beziehungsweise sollten die Anmeldegebühren niedrig sein; über die Verwendung der vereinnahmten Mittel sollte transparent informiert werden. Weitere Gebühren für die Gewinner dürfen nicht anfallen; der Preis wird nicht gekauft, er wird für eine herausragenden Leistung verliehen.
Den zusätzlichen wirtschaftlichen und gesellschaftpolitischen Impuls, den sich die Autoren der Studie von der Ausweitung der Bundespreise wünschen, würde man durch die Regionalisierung und die transparente Struktur sichern – durch die regionalen Wettbewerbe würde die Bedeutung von Design besser in die Öffentlichkeit und zur Zielgruppe der auftraggebenden kleinen und mittelständischen Unternehmen transportiert werden.
Die bereits existierenden Designpreise einzelner Länder würden aufgewertet werden, mehr kleine und mittelständische Unternehmen würden in den Fokus des Öffentlichen Interesses rücken, die einzelnen Preise und Veranstaltungen würden medial eine höhere Wertigkeit erhalten.
Für eine vertiefende Diskussion um die Reform des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland stehen wir gerne zur Verfügung.
Ausweitung der Messeförderung
Einer Ausweitung und Anpassung der Messeförderung für die Kultur- und Kreativwirtschaft steht die Allianz deutscher Designer positiv gegenüber. Das Ziel, den Klein- und Kleinstunternehmen einen oftmals ersten Zugang zu Messepräsentationen zu ermöglichen, ist richtig. Entsprechende Angebote müssen niedrigschwellig, finanziell realisierbar und branchenspezifisch sein. Die Überprüfung der Förderprogramme daraufhin, ob alle für die Branche relevanten Messen berücksichtigt werden, ist sinnvoll.
Weiterentwicklung von Programmen mit kleinteiligen Förderbeträgen
Den Gedanken, das Hausbankprinzip zu überdenken und die Vergabepraxis an die Realität anzupassen, teilen wir. Die Schaffung einer unbürokratischen Vergabe von Klein- und Kleinstkrediten nach einem vereinfachten Verfahren begrüßen wir. Oft sind es relativ geringe Summen, die der unternehmerischen Weiterentwicklung im Wege stehen. Die Aussicht, Kleinstkredite über eine Internetplattform beantragen zu können, ohne erst eine Hausbank von seinem Unternehmen überzeugen zu müssen, ist ein nutzerfreundlicher Ansatz.
Berlin, 12. Juni 2009
Allianz deutscher Designer AGD
www.agd.de














